21 Jun

Die verborgene Übersetzung der DNA

Die verborgene Übersetzung der DNA

von Tim Gallusser

vorgetragen auf dem LitUp! »Translatieren? – Translatieren!«, 12.06.2015


 

Das Ablesen von DNA nennt man Translation“, sagt jemand auf einer Website zur Problemklärung in der Deutschen Sprache. Das Verb davon ist daher vom Lateinischen translatum, einer Partizipbildung, abgeleitet.

Als ich mir überlegte, was »Translatieren« bedeuten kann, kam mir dies zwar nicht in den Sinn, dafür aber eine Geschichte.

primus ab aethero venit Saturnus Olympo

arma Iovis fugiens et regnis exsul ademptis.

Is genus indocile legesque dedit, Latiumque vocari

maluit, his quoniam latiusset tutus in oris.“

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17 Jun

Eine cyberdadaistische Manifestation

von Stefan Scheidegger & Samuel Eberenz

Vorgetragen auf dem Workshop »Translatieren?«, 06.06.2015


 

Sagen wir, jedem Text wohne ein Geist inne – was macht diesen Geist aus? Der Geist ist fluid, das heisst: nicht fassbar. Er manifestiert sich im Text aus der Intention und den Kontexten der Verfasserin, den Leseerfahrungen des Lesers, seinem Umfeld, vielleicht aus all dem, was seine Lektüre prägt. Man könnte aber noch ein weiteres fluides Merkmal hinzufügen: Der Geist ist zugleich an- wie abwesend: im Sinn, in der Narration, in Verweisen, im Jargon, der Rhythmik, dem Temperament und der Stimmung… Der Geist eines Textes ist eben all das, was uns einerseits einen Text verstehen lässt und sich zugleich unserem Verstehen widerspenstig entgegenstellt.

Beim Translatieren, wie wir es praktizieren, wird ein Ausgangstext mithilfe statistischer maschineller Übersetzung, wie Google Translate, durch verschiedene Sprachen hindurch übersetzt, von einer Sprache in die nächste und letztlich zurück in die Ausgangssprache. Er wird also Kraft der Algorithmen verfremdet; Und zwar entlang der häufigsten Übersetzungen der einzelnen Satzbausteine zwischen den durchwanderten Sprachen. Ein solches Translat, d.h. ein so translatierter Text, liest sich meist wunderlich, fragmentiert in Bezug auf Syntax, Bedeutungszusammenhänge und Narration, aber auch Jargon, Rhythmik, Temperament und den Gebrauch von Sprachbildern.

Diese Brüche in Aspekten des Texts, in Aspekten, welche bei der Lektüre für gewöhnlich als Grundelemente von Lesegenuss und Textverständnis auftreten, sind das Ergebnis einer programmierten digitalen Lesart, der Lesart der Übersetzungsmaschine, die andere Schwerpunkte setzt, als menschliche Leser_innen – eben auf die in einem Korpus von Texten und Übersetzungen am häufigsten vertretenen Relationen zwischen Ausdrücken in verschiedenen Sprachen. Die Übersetzungsmaschine liest den Text assoziativ analog zu menschlichen Leser_innen, jedoch folgen die Assoziationsketten einer grundlegend anderen, quantitativeren Logik und bedienen sich eines anderen Wissenskorpus.

Um zum Geist des Texts zurück zu kehren:

Apparate und Geräte sind  nicht in der Lage Sinn zu verstehen, sind pure Logik. Sie arbeiten sich an Sprache als Material ab und haben kein Sensorium für feinstoffliches, wie Bedeutung, Sinn und Geister. So kann man sagen, dass die maschinelle Sprachverarbeitung  die Sprache stellt und damit ihren Geist austreibt.

Die maschinelle Übersetzung und die damit einhergehende Fragmentierung stellen einen Sinnverlust dar. Zugleich fehlt auch die Anwesenheit einer intentionalen Verfasser_in. Die maschinelle Übersetzung treibt also dem Text seinen ursprünglichen Geist aus, oder aber pluralistisch gedacht, all seine ursprünglichen Geister und Dämonen. Doch was bleibt zurück? Ein sinn- und geistloser, ein toter Text? Ein untoter Wiedergänger? Mitnichten! Und wäre dies eine performative Lesung und keine Tagung, so würden wir diese Ausführungen hier unterbrechen und Translationen sprechen lassen.

Übersetzung bleibt. In der Tat kann es voll, und viele der Daten zeigte ein Stück mit verschiedenen digitaler Form miteinander verflochten. Sie verändern die Vereinbarung scheinbar unverbunden, um in Kraft treten.

Fahren wir aber fort!:

Der translatierte Text ist nicht von allen guten Geistern verlassen. Er ist vielmehr geradezu überbevölkert und durchsetzt mit digitalen Assoziationen, mit Sinnbruchstücken und Sprachfiguren aus verschiedenen Kontexten. Mit implizit bleibenden diskursiven Verweisen, die bald zufällig erscheinen und gleichzeitig  einer inneren Notwendigkeit folgen.

Diese Geister stammen aus dem digitalen Kanon des Korpus der Übersetzungsmaschine.

Die sich alles einverleibenden Maschine bannt die  Geister der Texte und Übersetzungen des Korpus in das Translat. Es sind dies die Mini-Irrlichter der Verbesserungsvorschläge von Nutzern des Tools und die gewaltigen Medialitäten von UN-Vollversammlungen und literarischen Klassikern. Sie alle haften den Sprachbausteinen an, welche die Maschine mit programmierter Methode aus dem sich ständig wandelndem und wachsendem Korpus auswählt und in einen neuen Text giesst. Sie spuken im neuen Text, ein ganzer Chor entwurzelter Geister, die einen schaurigen Klang erzeugen, der nur ungläubigen Materialisten als unterhaltsamer Humbug erscheinen mag.

Doch wie ist das Verhältnis zwischen dem Ausgangstext, dem Original, wenn man so will, und dem Translat, dem neuen, translatierten Text? Ist das Original nur noch in der Textmaterie als Gerüst vertreten? Als zerfledderter roter Faden? Doch wer würde es wagen zu behaupten, dass ein roter Faden keine Manifestation des urpsrünglichen Geistes ist? Der Geist des Originals ist nicht gänzlich ausgebtrieben. Er zieht stumm, weil seiner eigenen Sprache beraubt, durch die von fremdem Geistern bevölkerten Hallen seines entweihten Tempels.

In welchem Raum befindet sich das Translat mit seinen Geistern? Woher spricht es? Was also ist sein ontologischer Status, seine Seins- und Existenzweise? Sein Raum, sein Ort scheint ein Zwischenraum zu sein. Obwohl eine Halle, ist es ein Transitort, ein leerer – oder scheinbar leerer –  Durchgangsbahnhof vielleicht. Ein Nichtort, ein Dazwischen. Und genauso haben auch diese Texte einen Zwischenstatus. Ihre Stimme ist schwach und fragil und gleichwohl ist das Original als fernes Echo eben noch zu vernehmen, aber als ein gebrochenes und polyphones. Es sind also Texte, die – gerade an ihren Rändern – sehr fragil sind, die zuweilen abreissen, abbrechen, Differenzen setzen aber auch  ausufern im Ozean der Bedeutungs- und Differenzlosigkeit. Diese Fragilität, ihr Oszillieren zwischen dem zerbrochenen Original und ihrer noch-nicht-Existenz ruft nach der Bannung des Spuks. Und Spuk zu bannen, heisst den Text als Gespenst im eminenten Sinne zu begreifen als Überredung, Eingebung, als eine Stimme also, die für sich – und nur für sich – spricht.

In unserer eigenen poetischen Auseinandersetzung mit Translaten haben wir bisher zwei Wege gefunden, den Spuk in dem Sinne zu bannen, dass wir die Texte wieder greifbar, also zum Lesen interessant, machen. Die erste Möglichkeit besteht darin, den Text durch Post-Editing weiter vom Ausgangstext zu entfernen und die Fragmente in eine neue, kohärente Form zu weben. In diesem Textil entsteht so ein neuer roter Faden und die fragmentarischen Geister der Translation werden mit dem Text in Einklang gebracht und zu einem neuen geformt. Der neue Text funktioniert nun eigenständig. Ausgangstext und Translation sind für die Lektüre des Produkts unerheblich, sie waren lediglich Inspirationsquellen im Entstehungsprozess.

Die zweite Möglichkeit  besteht hingegen darin, das Translat mit dem Ausgangstext zu framen. Der Geist des Originals, der im Translat seiner Sprache beraubt und nicht mehr wahrnehmbar war, wird durch das Nebeneinanderstellen beider Texte wieder sichtbar. Er wird durch die geframte Lektüre wieder-erkannt und verleibt sich die fragmentarische Geisterhorde der Translation ein. So lässt sich der Text – erweitert und verfremdet – wieder verorten. Einerseits ist  das Translat ein Update des Originals im Zeitalter seiner digitalen Reproduzierbarkeit, kommentiert es, schreibt sich in ihm ein und überschreibt es – und umgekehrt ist auch das Original Kommentar zum neuen Text.

Lasst mich diese doppelte Relation an einem kurzen  Beispiel erklären. Es ist ein kurzer Imperativ, der es qua seines Ausrufezeichens ist, mit dem Wortlaut “News and much more!” – In diesen vier Worten hören wir entweder den von Werbetextern verfassten Schlachtruf einer Internetfirma oder aber den Aufschrei einer auf Nachrichtenwerte fixierten Gesellschaft. Bezeichnend für das Translat ist alleine schon die Tatsache, dass wir ohne Kontext den Satz sowohl affirmativ als auch kritisch lesen können. Die Referenz bleibt uneindeutig, ist gebrochen, was gerade die Frage nach ihr aufwirft. Welche Stimme spricht sich darin aus?  Worauf beziehen sich die “News and much more!”? Der Ausgangstext, also das Original, welches durch alle auf Google Translate verfügbaren Sprachen gescheucht wurde um zu “News and much more!” zu werden, ist Kants Kategorischer Imperativ. – – – Diese zusätzliche Information, das Framing mit dem Ausgangstext, löst sofort eine Menge neuer Assoziationen aus. Einerseits können wir das Translat als zynisches Update des Kategorischen Imperativs lesen. Andererseits können wir den neuen  Imperativ “Neuigkeiten und vieles mehr!” mit Kant kommentieren: seine 230-Jahre alte Stimme ruft uns dazu auf, nicht einfach einer an Welt verlorenen Neugierde zu fröhnen, für deren Stillung die einzige Qualität jene der Neuigkeit ist. Kants Imperativ befiehlt uns, wenn wir frei sein wollen, was unsere Pflicht ist, im Sinne des Kategorischen Imperativs zu handeln, während das Translat nur auf Aktualität verweist und jegliche Qualitäten, wie Werte, moralische Appelle, Sinn und Bedeutungen in der schieren Quantität des differenzlosen und verallgemeinernden “much more!” untergehen.

Unsere poetische Suche ist noch nicht an ihrem Ende angelangt. Wir fragen uns, wie eine dritte Möglichkeit aussehen könnte, um ein Translat zugleich im Spuk des Zwischenraums zu belassen und doch greifbar genug zu machen, so dass es auch ohne das Konzept der Translation zu kennen und damit auch ohne dem Framing durch das Original für sich stehen kann.